Yoga ist schon lange nicht nur Yoga. Es gibt kraftvolle Flows, traditionelles Hatha Yoga, Ashtanga, Vinyasa, Yin oder Hot Yoga, spirituelles Yoga und unzählige moderne Richtungen. Und trotzdem merken viele Menschen irgendwann:
„Irgendwie tut mir die Bewegung zwar gut, aber ich komme trotzdem nicht wirklich runter.“
Genau das war für mich einer der Gründe, warum ich angefangen habe, mich intensiver mit somatischem Yoga und Nervensystemarbeit zu beschäftigen. Denn somatisches Yoga verfolgt einen etwas anderen Ansatz.
Es geht nicht primär darum, wie eine Haltung aussieht. Nicht darum, wie tief du in eine Dehnung kommst. Es geht auch nicht darum, möglichst „gutes“ Yoga zu machen. Primär geht es darum, wie sich dein Körper während deiner Praxis wirklich fühlt.
Und genau da passiert erfahrungsgemäß besonders viel!
1. Somatisches Yoga arbeitet MIT dem Nervensystem, nicht dagegen
Viele oder sogar die meisten Menschen stehen heute permanent unter Spannung. Mental. Emotional. Körperlich.
Meistens nehmen wir diese Spannung sogar gar nicht mehr bewusst wahr, weil sie unser Normalzustand geworden ist.
Im klassischen Yoga sprechen wir viel über
- Ausrichtung
- Bewegungsabläufen
- Kräftigung
- Flexibilität
- bestimmte Asanas
Was ich grundsätzlich in meinen Yogastunden auch mache und auch großen Wert drauf lege.
Dennoch stelle ich im somatischen Yoga zunächst einmal die Frage:
„Was brauchst Du heute?“
Vielleicht braucht dein Körper heute nicht noch mehr Kraft oder intensives Stretching. Vielleicht braucht er viel langsamere achtsame Bewegungen. Mehr Sicherheit. Bewusste Erdung. Vielleicht einfach ganz kleineImpulse statt erneute Überforderung.
Im somatischen Yoga geht es deshalb oft darum
- Spannung überhaupt erstmal wahrzunehmen
- den Körper wieder sicher fühlen zu lassen
- den Daueranspannungsmodus zu regulieren
- Bewegungen bewusst und langsam zu erleben
Nicht jede Praxis oder jedes Training muss dich „pushen“. Manchmal liegt die bedeutendste Veränderung darin, dass Du und dein Körper endlich aufhören dürfen, noch mehr zu leisten und zu funktionieren.
2. Es geht weniger um die perfekte Form, sondern um Körperwahrnehmung
Ich glaube, viele Menschen denken bis heute, Yoga müsse „schön aussehen“. Starke Rückbeugen. Gerade Linien. Kontrolle und besonders verrenkte Positionen.
Unser Körper ist jedoch keine Maschine und kein Körper fühlt sich jeden Tag gleich an.
Im somatischen Yoga steht deshalb nicht das Äußerliche im Mittelpunkt, sondern die innere Wahrnehmung.
Wir reflektieren also konkret:
- Wie fühlt sich die Bewegung für mich an?
- Wo halte ich Spannung?
- Wo kompensiere ich?
- Wo atme ich nicht tief und frei?
- Wo überschreite ich vielleicht ständig meine eigenen Grenzen?
Besonders heilsam daran ist, dass wir beginnen, dem eigenen Körper wieder zuzuhören. Und genau das fehlt fast allen heutzutage!
Wir sind gesellschaftlich so darauf trainiert:
- durchzuhalten
- zu funktionieren
- uns zusammenzureißen
- Leistung zu bringen
- unsere körperlichen Symptome zu überhören
…dass wir die feinen Signale unseres Körpers kaum noch wahrnehmen. Somatisches Yoga bringt uns wieder zurück in diese Verbindung, völlig unperfekt und dafür umso authentischer!
3. Somatisches Yoga endet nicht auf der Matte
Das ist wahrscheinlich einer der größten und wichtigsten Unterschiede überhaupt. Viele klassisches Yogastile werden oft als „Sportstunde“ oder bewegter Ausgleich
gesehen. Kaum ist die Stunde vorbei, endet man wieder in alten Mustern.
Und natürlich tut Yoga körperlich in den meisten Fällen unglaublich gut.
Somatisches Yoga wirkt oft jedoch viel tiefer in den Alltag hinein.
Plötzlich spüren wir wieder ganz bewusst:
- wann der eigene Körper überfordert ist
- wann man Ruhe braucht
- wie Stress sich körperlich zeigt
- wie sehr Emotionen im Körper spürbar sind
- wie eng Atmung, Gedanken und Spannung zusammenhängen
Man entwickelt mit der Zeit eine ganz neue Körperintelligenz und genau das fasziniert mich sehr an der somatischen Arbeit.
Es geht eben nicht darum, perfekt entspannt zu sein oder ständig „in Balance“., sondern darum, sich selbst wieder besser wahrzunehmen und kennenzulernen.
Das wirkt sich am Ende auf unseren Alltag, auf Beziehungen, auf unser Stresslevel und unser individuelles Pensum positiv aus!
Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich somatisches Yoga für viele Menschen plötzlich so anders anfühlt.
Nicht wie ein To-Do Punkt, der abgehakt werden muss, sondern vielleicht eher ein langsames Nachhausekommen im eigenen Körper. //mw
